Ausgabe Frühling 2026
Sternstunden der Genossenschaftsidee
3. Teil: Genossenschaften in der heutigen Zeit: Persönliche Erfahrungsberichte
Das erste Genossenschaftsbad Deutschlands
Wir begeben uns an den Ort, den der Legende nach Alexander von Humboldt als siebentschönstgelegene Stadt der Welt bezeichnete: Es handelt sich dabei nicht um das von ihm bereiste Neapel mit seiner Traumkulisse (oder um Rio oder Salzburg), sondern um das niedersächsische Hannoversch Münden, der südlichsten Stadt Niedersachsens, ein ehemaliger Kreissitz mit rund 25.000 Einwohnern. Es ist der Ort wo Werra sich und Fulda küssen, wie es auf dem Stein an deren Mündung geschrieben steht: Es ist der Ort, an dem die Weser beginnt.
Im Jahr 2004 schloss dort der Bademeister zum letzten Mal das Hallenbad ab: Die Stadt, nahezu pleite, sah sich nicht mehr im Stande den Subventionsbetrieb aufrecht zu halten: Die hierfür notwendigen Investitionsmaßnahmen überstiegen schlicht das städtische Budget. Investitionsrücklagen waren nicht ausreichend gebildet worden, und eine Finanzierung seitens des Landkreises Göttingens suchte man vergebens.
In dieser Situation machte ich mir Gedanken, wie ich meiner Heimatstadt, eben nicht irgendeine Stadt, und dem Hallenbad, nicht irgendein Hallenbad (Namhafte Sportvereine und Unternehmen schickten ihre Mannschaften ins gegenüberliegende Viersterne-Hotel, weil sie nebenan im Bad trainieren konnten) dienlich sein könnte. Ich kam zu Schluss, dass die Unternehmensform der Genossenschaft eine Lösung sein könnte. Es war eine Möglichkeit der Selbsthilfe, die es Kunden, d.h. in diesem Fall Schwimmbadnutzern, gestattete, sich zusammenzuschließen, um gemeinsam eine öffentliche Dienstleistung anzubieten und zwar ohne dass der Staat maßgebliche Unterstützung leisten müsste. Es war mir klar, dass die Eintrittskarten von Hallenbädern hochsubventioniert sind (in diesem Fall zu über 85%), weshalb es wichtig sein würde eine Quersubventionierung von den gewinnbringenden Bereichen des Bades wie Kiosk, Gaststätte, Sauna, Fitness und Solarium hinzubekommen, um Preise weiterhin erschwinglich zu halten.
Ich machte mich an ein Konzept, welches vorsah, dass regelmäßige Nutzer Genossenschaftsanteile im Wert von 100 € zeichnen sollten und dafür einen Rabatt auf den Eintrittspreis bekämen. Bei 1000 Nutzern kämen 100.000 Euro zusammen, die ein Sanierungskredit von ca. eine Millionen Euro ermöglicht hätte. Weitere Gelder standen seitens des Hotels und zu einem geringen Maße von staatlicher Seite zur Verfügung. Doch die Stadt entschied sich gegen den Erhalt des Bades, weshalb es seit über 20 Jahren keines in Hannoversch Münden mehr gibt (ein politisches Armutszeugnis, aber eben nicht das größte und auch nicht das einzige in dieser Republik).
Die Geschichte wäre hier zu Ende, wenn nicht 50 km nördlich der Flecken Nörten-Hardenberg mit seinen rund 7.000 Einwohnern im selben Jahr in exakt derselben Situation gewesen wäre: Ein sanierungsbedürftiges, staatliches Hallenbad und eine zahlungsunfähige Gemeinde:
Doch in diesem Fall wurde das Bad in eine Genossenschaft überführt, so wie oben beschrieben. Dies rief ein großes Engagement in der Bürgerschaft hervor: Im Zuge der Umwandlung und Sanierung von Bad und Saunalandschaft verdoppelten sich die Nutzerzahlen, was sich wiederum positiv auf die Wirtschaftlichkeit auswirkte: Ein Gewinn für alle Seiten und einer, der überregional Schlagzeilen machte: In Folge bekam der Bürgermeister von Nörten-Hardenberg regelmäßig Anfragen anderer Gemeinden, um über das Projekt zu referieren.
Die Hallenbad Nörten-Hardenberg eG gilt als das erste Genossenschaftsbad Deutschlands und gewann die Auszeichnung Land-der-Ideen, verliehen vom damaligen Schirmherrn des Innovationswettbewerbs, Bundespräsident Horst Köhler.
Ein natürliches Genossenschaftsmonopol: Der Car Sharing Anbieter Mobility (CH)
Natürliche Monopole sind Organisationen, die systembedingt besser mit einem einzigen Anbieter – ohne Wettbewerb funktionieren: Beispiele hierfür sind Post, Bahn, etc.: Niemand will, dass sich zahlreiche Anbieter innerhalb dieser Systeme tummeln (mit dutzenden Postboten respektive Verkehrstarifen, etc.). Wirtschaftlichkeit, Angebot, respektive Sicherheit wären dadurch gefährdet, die Komplexität würde erhöht.
Ein genossenschaftlich organisiertes Beispiel eines natürlichen Monopols gibt es in der Schweiz: In den 1980er Jahren begann dort die Car-Sharing- oder Autoteilen-Bewegung ihren Lauf zu nehmen.
Der Gedanke: Privatautos werden in der Regel die meiste Zeit nicht genutzt: Warum teilt man sich also nicht ein Auto. In der Schweiz wurde das Autoteilen-System so professionalisiert, dass dort ein Monopolanbieter, die Car Sharing Genossenschaft Mobility, schweizweit mittlerweile an fast jedem Ort mit über 5000 Einwohnern mindestens ein Auto, meist an Bahnhöfen zur Verfügung stellt: Dabei ist die Nutzung kinderleicht: Einfach ein Auto per Rechner, Smartphone oder Telefon buchen, die Mitgliedskarte an den in der Windschutzscheibe befindlichen Sensor des gebuchten Wagens halten (wie bei der konaktlosen Kartenzahlung): Die Türen werden entriegelt und man kann losfahren. Am Ende des Monats oder Jahres erhält man eine Rechnung, Versicherungen, Steuern und Wartungskosten sind im Tarif enthalten.
Der unternehmerische Vorteil dieses Systems ist, dass die Preise des Monopolanbieters zum einen aufgrund der genossenschaftlichen Organisation niedrig sind, zum anderen, anders als in Deutschland, eine landesweite Verfügbarkeit von Fahrzeugen durch denselben einen Anbieter gewährleistet-, d.h. eine landesweite Nutzung ohne Anbieterwechsel dadurch gegeben ist.
So war es für mich während meines Arbeitsaufenthaltes immer ein tolles Erlebnis, bequem mit dem Zug durch den Gotthard zu reisen und in Lugano, der größten Stadt in der italienischen Schweiz einfach ein Car Sharing-Auto zu buchen und damit die Sehenswürdigkeiten im Tessin und im angrenzenden Italien zu besichtigen. Die Mobility eG ist das im Verhältnis zur Einwohnerzahl des Landes größte Car Sharing Unternehmen der Welt.
Prinzipiell spricht nichts dagegen auch andere natürliche Monopole, besonders öffentliche Dienstleister in Genossenschaften umzuwandeln: Doch dies wäre bei historisch über Jahrzehnte gewachsenen Unternehmen eine große Zäsur, die auch gesellschaftlich gewollt sein müsste. Es würde aber dafür sorgen, dass Preise nicht aus dem Ruder laufen und mehr Sachverstand in Schlüsselpositionen käme (wer will schon wirtschaftlich inkompetente Politiker im Aufsichtsrat von Post und Bahn sitzen haben). Auch eine größere Kundenorientierung wäre zu erwarten.
Schließlich würden Kunden als Genossenschafter leichter ihre Interessen vertreten können.
Lokale Genossenschaftsinitiativen
Doch die Umwandlung von bestehenden Organisationen ist die Ausnahme. Besonders bei größeren Unternehmen gibt es oft Widerstände seitens Politik, Gewerkschaften oder der Wirtschaft selbst. Neugründungen von Genossenschaften finden dagegen häufiger statt: Oft werden kleine lokale Genossenschaften, zum Teil mit Selbsthilfecharakter ins Leben gerufen. Ein Beispiel hierfür ist die vor sechs Jahren gegründete Bäckereigenossenschaft LindenBackt eG hier in Linden-Nord. Gerade als Unternehmensinitiative, die das Leben von Menschen sozial, kulturell und ökonomisch weiterbringt, stellt die Genossenschaft eine erfolgversprechende Option dar.
Fällt Ihnen eine spannende lokale Genossenschafts-Erfolgsgeschichte ein, bzw. wo sehen Sie Potentiale, um Genossenschaften einzurichten? Mir fallen gleich mehrere ein: Wussten Sie, dass bald das drittletzte Antiquariat in Hannover schließen wird? Ein sehr bedauerlicher Umstand, denn es sind solche individuellen Läden, die eine Stadt v.a. auch für Touristen attraktiv machen. Letztere kommen ja nicht hierher, weil sie in Hannover eine Filiale der Kette, die es in ihrer Heimatstadt auch gibt, besuchen können.
Es sind also individuelle Läden, oft mit kulturellen oder kunsthandwerklichen Angeboten, die Menschen anziehen. Antiquare, die sich zuweilen als Sachwalter des geistigen Erbes der Menschheit verstehen, sind wie viele andere in ähnlichen Geschäftsfeldern mit dem Dilemma konfrontiert; dass die Gewinnmargen im Verhältnis zu den Mieten zu niedrig, bzw. die Mieten oft zu hoch sind, um einen Laden kommerziell zu betreiben.
Gewinnmarge und Umsatz sind eben sehr viel geringer als z.B. bei einem Café, wo für eine Tasse Kaffee unter Umständen mehrere tausende Prozent Gewinn eingefahren werden können. Eine Idee wäre, eine Büchergenossenschaft in Kundenhand zu gründen, welche eingelieferte Bücher sortiert, ins Internet oder in die Auslage stellt. Hierfür bräuchte es aber viele Interessenten, die eine solche Idee ermöglichen würden. Falls Sie dies befürworten und bereit wären, mit 100 € Genossenschaftsanteil Mitglied einer solchen Büchergenossenschaft zu werden, melden Sie sich. Finden sich genügend Leute zusammen, laden wir zur Gründungsversammlung ein.
In der nächsten Ausgabe wollen wir etwas über die Geschichte der Gartenheim-Genossenschaft bringen. (NU)
Aus den Stadtteilen
Verlegung von Glasfaserleitungen
In vielen Straßen der Stadt werden Glasfaserleitungen verlegt, die schnelleres Internet ermöglichen und die Kupferleitungen in den nächsten Jahren ggf. ablösen sollen (Sollte Ihnen Ihr Internet zu langsam vorkommen, liegt dies aber kaum an der Kupferleitung, sondern an Ihrem Endgerät oder Ihrem Vertrag). Sollten Sie von einem Glasfaser-Einbau betroffen sein, werden Sie vom Vermieter, der den baulichen Eingriff genehmigen muss, vorzeitig informiert (Als Mieter brauchen Sie nichts unternehmen).
Entsorgung von Verpackungsmüll
Kennen Sie das Szenario: Sie kommen mit Ihrem Hausmüll an den Abfallcontainer und stellen fest: Er ist voll. Voll allerdings nicht mit Hausmüll, sondern mit Verpackungskartons.
Der Papiercontainer quillt sowieso schon über, sodass Sie sehnsüchtig auf die nächste Müllabfuhr warten. Generell ist es so, dass Vermieter die durchschnittliche Müllmenge ihrer Mieter im Blick haben. Doch mit Durchschnittswerten verhält es sich zuweilen wie mit der Kuh und dem See, derdurchschnittlich nur einen halben Meter tief ist: Die Kuh ertrinkt aufgrund von Untiefen trotzdem. Soll heißen:
Seit einiger Zeit bestellen manche Mieter ganze Wohnungseinrichtungen im Internet, deren große Mengen Verpackungsmüll das Entsorgungsbedarfsvolumen aller anderen Mieter unmittelbar ausschöpfen.
Es gibt aber keinen Grund dafür, weshalb dieses Mieterklientel nicht selbst ihre großen Mengen an Verpackungskartons zum Wertstoffhof fahren kann, im Zweifelsfall kostengünstig mit einem Car Sharing Auto.
